Verwirrend komisch oder The Comedy of Errors

Im Rahmen des Semesterthemas "Shakespeare" besuchten die Englisch-Kurse des Jahrgangs 12 die wenig bekannte Shakespeare-Komödie The Comedy of Errors im English Theatre Hamburg. An dieser Stelle ein paar Eindrücke dieser wirklich sehenswerten Inszenierung. 

Schon die Besetzung und das Bühnenbild atmen den minimalistischen Geist Shakespear'scher Theateraufführungen, bei denen nicht der Effekt oder der äußere Schein, sondern alleine die schauspielerische Darbietung in Verbindung mit dem bedeutsamen, oft paradoxen Wort zählt. Das wird besonders erkennbar in einem Monolg des tragischen Helden Egeon. 

EGEON 
"Thus have you heard me sever'd from my bliss, 
That by misfortunes was my life prolong'd, 
To tell sad stories of my own mishaps." (1.1.118)

Alle Figuren des Dramas werden von nur 6 Schauspielern in Doppel- oder Mehrfachrollen dargeboten, was der ohnehin ausgesprochen lustigen Handlung zuweilen zusätzlich groteske Züge verleiht, etwa wenn die Schauspieler zwei ihrer Rollen "gleichzeitig" aufführen. 

The Comedy of Errors ist eine Verwechslungskomödie über zwei in frühester Kindheit getrennte Zwillingspaare, die sich durch Zufall (oder Fügung) erneut über den Weg laufen. Bevor sie sich jedoch tatsächlich persönlich begegnen, sorgen sie durch ihre enorme Ähnlichkeit und die Namensgleichheit für allerlei Verwirrungen. Natürlich mündet das Stück in ein "happy ending", bei dem sich alles zum Guten wendet und die durch das Schicksal zuvor arg strapazierten Beteiligten durch alte und neue Liebe für ihre Leiden reichlich belohnt werden. 

Durch die schauspielerische Leistung wird die ohnehin vergnügliche Darbietung stellenweise zum Meisterwerk, etwa wenn Fiona Finsbury in gleich fünf verschiedenen Rollen, vom braven Hausmütterchen über eine verführerisch-aufreizende Plaisir-Dame bis hin zur sangesfreudigen und stimmgewaltigen Nonne ein sagenhaft breites Spektrum weiblicher Eigenschaften abdeckt. 

Es ist nicht einfach, eine "Hauptfigur" des Stückes zu benennen. Den eindeutig größten Applaus bekam jedoch James Sanderson in der Doppelrolle des Dromio of Syracuse und Dromio of Ephesus, die er gestisch und stimmlich sehr klar von einander abgesetzt und dabei ausgesprochen überspitzt-komödiantisch zum Besten gab. Den Grandseigneur der Aufführung gab Mark Carlisle in der Doppelrolle des Duke Solinus und eines Merchant, die er überaus souverän mit der ganzen Arroganz der Macht ausfüllte. 

Das Stück lebt von der Vielzahl kleiner Boshaftigkeiten, wie etwa der garstigen Spitze gegen die Niederlande, einem damaligen Konkurrenten Englands beim Kampf um die Weltherrschaft:

ANTIPHOLUS of Syracuse
"Where stood Belgia, the Netherlands?" 
DROMIO of Syracuse
"O, sir, I did not look so low." (3.2.137-8)
 
Das Stück ist aber keineswegs nur komisch, sondern enthält auch ernsthafte, erstaunlich moderne Überzeugungen, etwa die Diskussion der Frauen Adriana und Luciana, warum die Freiheit der Frauen im Gegensatz zu der der Männer eigentlich begrenzt sein sollte: 

ADRIANA
"Why should their liberty than ours be more?" 
LUCIANA
"Because their business still lies out o'door." 
ADRIANA
"Look, when I serve him so, he takes it ill." 
LUCIANA
"O, know he is the bridle of your will." 
ADRIANA
"There's none but asses will be bridled so." 
LUCIANA
"Why, headstrong liberty is lash'd with woe." (2.1.10-15)

Ebenfalls modern und relevant ist die dem Stück zugrundeliegende Überzeugung von der Verwandtschaft aller Menschen, die jede gewaltsame Trennung der Menschen in Staaten und Völker (hier: Ephesus und Syracuse) als sinnwidrig erscheinen lässt. 

"Let ’s go hand in hand, not one before another." (5.1.432)

Wer das altertümliche Englisch William Shakespeares nicht scheut, wird an dieser Vorführung sehr viel Freude haben. Das Stück wird noch bis zum Ende der Spielzeit 2011/12 in Hamburg aufgeführt.