Aue-Geest-Gymnasium Harsefeld

Von der Unerbittlichkeit der Gesetze

Dass moralische Pflichten und das Gesetz oftmals in Konflikt geraten, davon konnten sich die Schülerinnen und Schüler der Deutsch-Leistungskurse der Jahrgangsstufe 11 bereits überzeugen, als sie die Tragödie „Antigone“ von Sophokles im Unterricht behandelt haben. Am Freitag (28.10.2016) ergab sich nun die Möglichkeit, eine Inszenierung dieses Stückes, das die Poetik und das moderne Drama entscheidend beeinflusst hat, in Begleitung ihrer Lehrkräfte Frau Appelkamp, Frau Bente und von Herrn Jaacks im Stadttheater Bremerhaven anzusehen.

Zunächst ein kurzer Handlungsüberblick: Nach dem Tod der Brüder Polyneikes  (Harald Horváth) und Eteokles (Pascal Andrea Vogler) verbietet Kreon (Kay Krause), der Herrscher Thebens, die Bestattung des von ihm als Angreifer gesehenen Polyneikes. Dessen Schwester Antigone (Julia Friede) widersetzt sich jedoch - auch gegen die Warnungen ihrer Schwester Ismene (Jana Julia Roth) - diesem Verbot, was ihr schnell zum Verhängnis wird, da sie gefangen genommen und von Kreon lebendig in einer Höhle eingemauert wird. Erst der blinde Seher Teiresias (Detlef Mauritz) und der Chor können Kreon dazu bewegen, sich an das Gebot der Götter, den Toten zu bestatten, zu halten und darüber hinaus Antigone zu befreien. Die Einsicht Kreons kommt jedoch zu spät: Antigone hat sich erhängt und auch Kreons Sohn und Antigones Verlobter Haimon (Harald Horváth) haben sich umgebracht.

In der Inszenierung von Antje Thoms überraschte vor allem Antigone, deren Fanatismus und skurriles Verhalten etwas befremdlich wirkten, denn man hatte sich zuvor bereits mit einer möglichen Darstellungsweise der verschiedenen Figuren beschäftigt und eher ein selbstsicheres und charakterstarkes Auftreten der Protagonistin erwartet.

Sehr überzeugend wirkte hingegen die Figur des Kreon, dessen Grausamkeit und Nationalstolz nicht nur die Figuren, sondern auch die Zuschauer mit Ehrfurcht erfüllten. Auch wenn sein Auftreten zunächst etwas zurückhaltend war, zeigte sich recht schnell die Gnadenlosigkeit des Herrschers.

Besonders hervorgehoben werden muss auch der fünfköpfige Chor mit seinem Chorführer (René Maréchal), der durch seine räumliche Verteilung nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum stets präsent war und somit als eine außenstehende Partei fungierte, deren Zwiegespaltenheit zwischen moralischer Instanz und Furcht vor dem Herrscher nicht zu übersehen war, aber auch die Stimme des Publikums darstellte.

Die Bühne und die Kostüme waren eher einfach gehalten. Letztere waren jedoch der heutigen Zeit angepasster und moderner, als man sie für die Aufführung eines 443 vor Christus geschriebenen Stückes erwartet hätte. Für eine Abwechslung des Bühnenbildes, das nur aus drei Bänken bestand, sorgte ein mitunter hell beleuchteter Raum hinter der eigentlichen Bühne, in dem Szenen gespielt wurden, die in Rückblenden den chronologischen Handlungsverlauf unterbrachen, für dessen Verständnis jedoch erforderlich waren.

Spannung erzeugten gleich mehrmals die bedrohlich wirkenden Licht- und Schatteneffekte, die beispielsweise den Darsteller des Kreon hervorhoben und besonders mächtig erscheinen ließen. Spezielle Toneffekte, wie ein Echo, das die wichtige Prophezeiung von Teiresias oder die Passagen des Chores akzentuierte, sorgten jedoch eher für Verwirrung, da man dadurch den Text nur undeutlich verstand und auch den Grund für das Herausstellen dieser Passagen oft nicht nachvollziehen konnte.

Nach knapp 90 Minuten verabschiedeten sich die insgesamt 15 Darsteller unter lautem Beifall von den begeisterten Zuschauern, die das „Große Haus“ im Stadttheater Bremerhaven gut gefüllt hatten.

Die Inszenierung zeichnete sich durch eine gute schauspielerische Leistung der Darsteller aus, die in ihren Rollen insgesamt sehr überzeugend wirkten, sodass man deren Gedanken und Handlungen auch einwandfrei nachvollziehen konnte. Die einzigen Kritikpunkte sind das bereits angesprochene Widerhallen von Textpassagen und die unerwartete und leicht befremdlich wirkende Darstellung von Antigone, deren Rolle trotzdem gut verkörpert wurde.

Gegen 21 Uhr wurde dann die Rückreise mit dem Bus nach Harsefeld angetreten, zu deren Beginn die gerade miterlebte Aufführung in den untereinander geführten Gesprächen allgegenwärtig war.