Aue-Geest-Gymnasium Harsefeld

Heimweh in der Heimat nach Austauschjahr in Ghana

Gemeinhin leidet man unter Heimweh, wenn in der Fremde die Sehnsucht nach der eigenen Heimat übergroß zu werden droht und sich bedrückend in die Seele legt. Die Teilnahme von Lilli Viets (Jg.12) an einem internationalen Schüleraustausch mit der Organisation YFU (Youth for Understanding) ist zwar schon eine geraume Zeit her, die gewonnenen Eindrücke während ihrer Zeit im westafrikanischen Ghana aber sind so reichhaltig und intensiv gewesen, dass diese immer noch nachwirken und sich so anfühlen, als sei es erst gestern gewesen, dass sie ihr “zweites Zuhause” und ihre “zweite Familie” in Gulf City, Tema nach einjährigem Aufenthalt wieder Richtung Deutschland verlassen hat und - obwohl hierher zurückgekehrt - paradoxerweise Heimweh verspürt.

Ein Erfahrungsbericht über ihren Aufenthalt in Ghana von Lilli Viets:

Ghana ist ein schwarzafrikanisches Land mit 50 verschiedenen Landessprachen (von denen ich eine, nämlich “Twi”, auch erlernt habe), einer funktionierenden Demokratie und relativ niedriger Kriminalität und hohem Pro-Kopf-Einkommen. Trotzdem leben 50 % der Bevölkerung unter der Armutsgrenze (1 $ pro Tag). In den westlichen Medien und den Köpfen der meisten Menschen wird Afrika immer wieder auf Armut und Gewalt reduziert. Was aber eigentlich viel wichtiger ist, um ein Land zu verstehen, sind die Kultur und die Menschen, die Art, mit dem umzugehen, was ihnen gegeben ist.

In Afrika haben Ghanaer den Ruf, die freundlichsten Menschen des Kontinents zu sein. Wie ich das nur bestätigen kann! Wo man geht und steht, kommen laute, lächelnde Menschen auf einen zu, um einen mit dem typischen Handschlag (einer Art Schnipsen am Ende) zu begrüßen: ‚Akwaaba, Oboroni!‘ rufen sie dann, ‚Willkommen, Weiße‘. Wenn man dann noch ‚Meda w’ase, Obibini‘, ‚Danke, Schwarzer‘ antwortet, gehört einem ihr Herz für immer. (Wie man erkennen kann, ist die Bezeichnung ‚Schwarzer‘ in Ghana das genaue Gegenteil von politisch unkorrekt…)

Meine (Gast-)Schwester Liesbeth und ich begannen nach etwa einem Monat Eingewöhnungsphase mit der Schule. Chemu Senior High School steht in dem Ruf, die zweitbeste Lehranstalt des Landes zu sein, und ist 10 Minuten ohne Stau bzw. 45 Minuten mit Stau von unserem Wohngebiet entfernt. Die zehn Minuten waren jedoch ein einmaliger Rekord nach einem der apokalyptischen Regengüsse, die zwar den Straßenverkehr drastisch verringern, jedoch die Mückenkonzentration rapide erhöhen. (Nein, ich wurde von Malaria verschont, meine Schwester allerdings nicht.)

Wir und ein Großteil der ghanaischen Bevölkerung bewegten uns vornehmlich in "Trotros" fort. Diese Kleinbusse wurden mit religiösen und motivierenden Sprüchen sowie neuen Sitzbänken versehen, damit 20-25 anstatt der vorgesehenen 12 Menschen in die Fahrzeuge hineinpassen. Sie funktionieren ähnlich wie Sammeltaxis, fahren immer in eine eher vage Richtung, die durch ein ganz bestimmtes Handzeichen angezeigt wird, und auf dem Weg oder an großen, chaotischen Stationen werden Passagiere eingesammelt und wieder rausgeschmissen, sobald diese auf sich aufmerksam machen.

Und dann wäre da noch die Schule: Die Aussage und Wertung ist vielleicht etwas klischeehaft, aber seid glücklich mit dem, was ihr habt, Schüler und Ex-Schüler des AGG Harsefeld! Chemu sieht von außen aus wie ein Gefängnis, ist komplett mit Mauern und einem Stacheldrahtzaun versehen. Auf zwei Seiten sind Tore, die nur vor Viertel vor 8 Uhr und nach 16 Uhr geöffnet sind. Während der Schulzeit werden sie von zwei Wächtern bewacht, die Spätankömmlinge aussperren und ‚Insassen‘ einsperren. Es gibt ‚core subjects‘ (Mathe, Naturwissenschaft, Englisch und Soziale Studien), die jeder belegen muss, und ‚objectives‘. Die Richtung (Soziale Studien, Wissenschaft, Hauswirtschaft und Kunst), die man einschlägt, bestimmt die Lautstärke der Klasse, das Gebäude der Klasse und den Beliebtheitsgrad bei den Lehrern. Es ist wie ein Klassensystem der Schule. Und ich habe mir, ohne es zu wissen, die Chaotenschicht ausgesucht: ‚Visual Arts‘. Meine 58-Schüler-starke Klasse war mit Abstand der charmanteste, disziplinloseste, lustigste und musikalischste Haufen in ganz Tema. (Das Schulmotto lautet übrigens ‚Discipline and Hardwork‘.)

Die Lehrer der ‚core subjects‘ haben uns größtenteils gemieden. Stattdessen gab es Impromptu-Tisch-Trommelkonzerte, Stunden in der Bibliothek, Mittagschlaf, Alternativunterricht von ‚Mr‘ Simon, Tafeldiktate der Schullektüre, die kaum jemand besaß, oder einfach nur Lärm. Die drei Kunstfächer (‚General Knowledge in Art‘, ‚Graphic Design‘ und ‚Sculpture‘) wurden leidenschaftlich und regelmäßig unterrichtet, allerdings überschnitten sich auch die Lehrpläne in allen dreien.

Wie man auf den Fotos unschwer erkennen kann, gibt es eine Uniform. Und zwar sowohl kleidungs- als auch frisurentechnisch: gleichmäßig kurz, auch die Mädchen! Weiße sind da anscheinend eine Ausnahme. Jeden Abend mussten wir die Uniform waschen, selbstverständlich per Hand - Waschmaschinen sind Luxus. Jeder Stuhl, auf den wir uns setzen wollten, musste erst abgewischt werden, um den typischen und allgegenwärtigen roten Staub zu entfernen.

Das Schulsystem in Ghana stammt noch aus der britischen Kolonialzeit und hat folglich einige Reformen verschlafen. Es herrscht theoretisch eine strikte Hierarchie: von den Lehrern zu den Schulsprechern, über die Klassensprecher und älteren normalen Schüler zum “Anfang der Nahrungskette”, den Erstklässlern (bei uns 8-Klässler). Was für die anderen als strenge Bestrafung gilt, ist für diese “armen Schlucker” Alltag: Schule (auch Plumpsklos) putzen, in der Ecke knien (die schlimmste Strafe der Welt), Prügelstrafe (nur von der Hälfte der Lehrer noch für sinnvoll gehalten) und Besorgungen für die Lehrer machen. Und das alles, um den Schülern Disziplin zu lehren. Oft sind die Vorgesetzten aber zu faul, um tatsächlich konsequent durchzugreifen. Während der wöchentlichen ‚Assembly‘ (Gottesdienst und Reden der Schulleitung) verhängte die Schulleiterin jede Woche andere Vorschriften, was anfangs noch Verwirrung, später nur noch Desinteresse erzeugte.

Einer der Lichtblicke des Schulalltags waren aber die Pausen. Dann war ich mit meiner Schwester und meinen besten Freundinnen Dorothy und Felicia wieder vereint und konnte das Essen genießen, das in Ghana absolut klasse ist. In unserer carportartigen Mensa gab es scharfes, reichhaltiges, heißes Essen in für deutsche Verhältnisse riesigen Portionen sowie Snacks wie tropische Früchte und Schmalzgebäck. In Afrika berühmt und berüchtigt ist Ghana für seine Suppen sowie für die bekannteste Beilage “Fufu”. Gegessen wird mit der rechten Hand. Die linke ist unrein. Selbst sich mit links zu melden, ist ein offener Affront.

Zuhause war ich durch die Schule - und wegen der zahlreichen Staus - vergleichsweise wenig und meine Wochenenden waren geprägt von Kirche, Kochen und Fernsehen. Allgemein sind Ghanaer extrem religiös, dabei ist es eigentlich egal, ob Christ, Moslem oder ‚Traditionalist‘ - Hauptsache man glaubt überhaupt. Christliche Gottesdienste wie in der Schule sind geprägt von Tanzen, Singen, lauten Hallelujas und Amens. Manchmal sogar auch Live-Exorzismen. Dagegen ist die Religion meiner Gastfamilie geradezu langweilig, wenngleich auch ungewöhnlich: Zeugen Jehovahs. Kurz und gut, Liesbeth und ich haben uns beide darauf eingelassen und jeden Sonntag Gottesdienste und gelegentlich auch Bibelstunden, die oftmals in philosophischen Diskussionen ausarteten, über uns ergehen lassen. Alle Familienmitglieder waren jedoch sehr nett und keineswegs beleidigt, wenn es bei uns keine Früchte ihrer missionarischen Gärtnerbemühungen zu ernten gab.

Auch wird überraschend viel ferngesehen in Ghana, die Quotenfänger sind Fußball und schlecht synchronisierte mexikanische Soaps. Eine meiner liebsten “Fernseh-Erinnerungen” ist der Abend, an dem Ghanas “Black Stars” im Halbfinale des African Cup standen. Liesbeth, Paulina und ich waren wie üblich ein paar Häuser weiter einkaufen gegangen - es ist schon nach 18 Uhr gewesen, also stockduster. 30 Grad das ganze Jahr über machen verschließbare Fenster in Ghana absolut überflüssig und so hört man alles und jeden. Während des Spiels konnte man also Stöhnen, Flüche, Jubel und Applaus in der ganzen Nachbarschaft hören. Alles in Maßen, bis der Strom ausfiel. Unvermittelt ein synchroner Aufschrei von gefühlt 1000 Menschen. Nach zwölf Minuten dann ekstatischer Jubel ... und Licht. Entspanntheit und Leidenschaft pur!

Apropos Strom: Der Strom fällt fast jeden Tag aus. So ist das halt, wenn die einzige Quelle der Stromerzeugung für das ganze Land ein einziger Staudamm ist. Auch fließendes Wasser ist nicht jede Woche da. Normalerweise bekommt man unter diesen Umständen ein breites Lächeln, eine Taschenlampe und den Kommentar, der Ghana für mich zusammenfasst: ‚That’s Ghana for you!‘ Auch deswegen drücke ich bei der Begegnung meiner zweiten Heimat gegen meine erste anlässlich der kommenden Fußball-WM für Ghana meine beiden Daumen.


Bericht und Fotos von Lilli Viets (12.Jg.)